Die KIWi-lit! Buchempfehlung

Amy Tan:

Das Kurtisanenhaus

 

Frauenkunst und geliehene Freiheit

 

Amy Tans Roman „Das Kurtisanenhaus“ hat mich vor allem deshalb fasziniert, weil er eine andere gesellschaftliche Welt sichtbar macht. Der Roman spielt überwiegend im Shanghai des frühen 20. Jahrhunderts und erzählt über mehrere Generationen hinweg von Frauen, deren Leben durch ihre Herkunft, politische Umbrüche, gesellschaftliche Konventionen und die Entscheidungen von Männern geprägt werden.

 

Im Mittelpunkt stehen die chinesisch-amerikanische Violet, ihre amerikanische Mutter Lucia, die sich Lulu nennt, und später Violets Tochter Flora. Es ist eine Geschichte über Mütter und Töchter, Trennungen und Missverständnisse, aber auch über weibliche Kreativität, soziale Rollen und die Frage, wie ein Mensch unter äußerst begrenzten Bedingungen dennoch versuchen kann, seine Würde und ein eigenes Selbst zu bewahren.

 

Die große Geschichte – Revolution, Machtwechsel und der Zusammenbruch alter Ordnungen – erscheint dabei nicht als abstrakter Hintergrund. Sie greift unmittelbar in das Leben einzelner Menschen ein und entscheidet darüber, ob ein Mädchen geschützt ist oder zur Ware wird.

 

Besonders eindrucksvoll fand ich den weiblichen Blick auf die sogenannten Kurtisanen. Amy Tan beschreibt sie weder ausschließlich als Opfer, noch verklärt sie ihre Lage zu einer exotischen Welt aus Seide, Musik und eleganten Festen. Diese Frauen sind Künstlerinnen, missbrauchte Mädchen, Unterhalterinnen, Geschäftsfrauen und Prostituierte zugleich. Zwischen diesen Bezeichnungen gibt es keine klare Grenze. Anerkennung und Verachtung bilden vielmehr ein Kontinuum, auf dem eine Frau jederzeit auf- oder absteigen kann.

 

Der Roman zeigt für mich daher auch, wie wenig verlässlich einfache moralische Bewertungen sind – insbesondere dann, wenn wir über andere Kulturen und Gesellschaften urteilen, deren Regeln, Zwänge und Handlungsspielräume wir nicht verstehen.

 

Eine erfolgreiche Kurtisane musste schön sein, doch Schönheit allein genügte nicht. Sie musste singen, musizieren, Geschichten erzählen, Gespräche führen, Stimmungen wahrnehmen und Wünsche erkennen können. Sie musste sich selbst inszenieren und zugleich den Eindruck erwecken, ihre Zuneigung sei nicht bloß Teil einer geschäftlichen Vereinbarung. Ihr Erfolg beruhte auf einer hochentwickelten sozialen, künstlerischen, diplomatischen und sexuellen Intelligenz.

 

In diesem Sinne hatten diese Frauen durchaus eine Karriere. Es gab Ausbildung, Konkurrenz, Spezialisierung, Reputation und wirtschaftlichen Erfolg – doch all das konnte durch einen einzigen Handstreich zerstört werden.

 

Diese Karriere besaß kein stabiles Fundament. Der Wert einer Frau hing von ihrem Alter, ihrer Schönheit, ihrem Ruf und der Gunst wohlhabender Männer ab. Ein Gerücht, ein enttäuschter Kunde, eine Krankheit oder der Verlust eines einflussreichen Beschützers konnten alles zerstören und aus einer angesehenen Kurtisane eine Straßenprostituierte machen. Die Frauen konnten sehr geschickt innerhalb des Systems handeln, aber sie konnten dessen Regeln nicht selbst bestimmen. 

 

Amy Tan

Das Kurtisanenhaus

Goldmann Verlag

ISBN: ‎978-3442467877

704 Seiten

22,99 Euro (Hardcover)

 

 

  

Velma Wallis:

Zwei alte Frauen

 

Beim Lesen des Buches durchleben wir ein ganzes Jahr im westlichen Teil von Alaska, wo die Stämme der Athabaska zuhause sind; wahrscheinlich kamen sie in der frühen Eiszeit aus Asien und Ostsibirien nach Alaska. Die einzelnen Gruppen (Völker) waren noch nicht sesshaft, sie folgten ihrer Nahrung, und wenn die ausblieb, gab es Hungerzeiten.

 

Die Autorin stammt aus den 1970er Jahren und kennt diese Zeiten nur von ihrer Mutter, die ihr die Geschichte der „Zwei alten Frauen“ erzählt hat, die seit vielen, vielen Generationen immer weitererzählt wurde. Ihre Großmutter erlebte (und überlebte) eine solche Hungerzeit und konnte ihr davon berichten.

 

Es ist Winter, das Volk hat schon lange keinen Jagderfolg mehr und hungert. Der Häuptling gibt die Order, dass sie weiterziehen, in der Hoffnung Karibus, Elche und andere Wandertiere besser zu finden. Er sagt, jeder müsse dazu beitragen zu überleben und da könne man sich nicht um die beiden alten Frauen kümmern, die 80 und 75 Jahre alt sind und bisher die Hilfe der Gruppe benötigt haben. 

 

Dieses Vorgehen ist in Notzeiten nicht unüblich und das Volk verstummt und wagt keinen Einwand, die Not ist zu groß. Nur die Tochter und Enkel der 80-Jährigen legen heimlich etwas für die beiden Alten zurück.

 

Die beiden Frauen verbergen ihr Entsetzen, es droht der sichere Tod. Ihnen ist klar, dass das Volk sie zum Sterben verurteilt. Die beiden haben selbst früher erlebt, wie Alte und Kranke zurückgelassen worden sind. Sie beschließen: „Wenn wir denn sterben müssen, so laß uns handelnd sterben. Wir sind hilflos wie Kinder, aber wir haben eine Menge gelernt und unsere Körper sind gesund genug, um mehr zu leisten, als wir ihnen zugetraut haben“.

 

Sie wandern weiter, besinnen sich auf alte Fähigkeiten – der Frühling kommt – der Sommer – der Herbst.

 

Das Volk kommt im Herbst entkräftet wieder am alten Lagerplatz an und findet nichts, was an die alten Frauen erinnert – ob sie noch leben? 

 

Das Buch ist schnell und leicht zu lesen. Mit wachsendem Interesse sieht man, wie die anfängliche Hilflosigkeit der Alten einem neu erwachenden Selbstbewusstsein weicht und wie stolz sie ihre neu gewonnene Unabhängigkeit zeigen. 

 

 

Velma Wallis

Zwei alte Frauen

Eine Legende von Verrat und Tapferkeit 

Piper Verlag

ISBN 978-3-492-24569-2

128 Seiten

Taschenbuch: 12,00 €

E-Book: 8,99 €

 

 

 

  

Mai 2026

 

Daniel Kehlmann

Die Vermessung der Welt

 

 

Es gibt im Wesentlichen zwei Möglichkeiten, wissenschaftlich zu arbeiten: entweder empirisch, das heißt, man experimentiert oder betreibt Feldforschung; oder theoretisch, indem man reflektiert und so versucht, Erkenntnisse zu gewinnen. Der deutsch-österreichische Schriftsteller Daniel Kehlmann widmet sich beiden Methoden. Aber er hat darüber keine Abhandlung geschrieben, sondern eine mitreißende, atemberaubende Erzählung.

 

In ihrem Mittelpunkt stehen zwei der bedeutendsten Gelehrten des 19. Jahrhunderts: der Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gauß sowie Alexander von Humboldt, der Naturforscher und Begründer der modernen Geografie. Letzterer steht als eine Art Stellvertreter für die empirische Methode. Er betreibt Erdkunde als „Fahrgeschäft“. Er bereist die entlegensten Gegenden der Welt; er durchforstet die Urwälder und Steppen, befährt den mehr als 2000 Kilometer langen Orinoko, die südamerikanische Wasserader; er schluckt Curare, das indianische Pfeilgift, um dessen Wirkungsmechanismen zu überprüfen, er beobachtet Kopfläuse, um mehr über das Treiben dieser Plagegeister zu erfahren oder er lässt sich in die Schlünde von Vulkanen abseilen, kurz: der Rastlose lässt nichts aus.

 

Sein Gegenspieler Gauß übt sich in der Kunst der theoretischen Wissenschaft. Er verreist nur ungern, sitzt am liebsten in seiner Arbeitskammer, und versucht durch reines Räsonnieren, eine Formel zu finden, mit der er die Welt und den Kosmos erklären kann; so entwickelt er als einer der ersten die elektromagnetische Telegrafie, legt er die Grundlagen für die mathematische Statistik oder erforscht er das Erdmagnetfeld, kurz seine Rastlosigkeit spielt sich zwischen seinen Ohren ab.

 

Trotz aller Gegensätze haben die beiden Gelehrten mindestens eine Gemeinsamkeit. Sie können nicht mit Menschen umgehen. Humboldt verheizt seine Mitarbeiter. Und Gauß springt in der Hochzeitsnacht aus dem Bett, um eine Formel zu notieren, die ihm gerade eingefallen ist – ein klassischer coitus interruptus!

 

Daniel Kehlmann

Die Vermessung der Welt

Rowohlt

Hardcover:

ISBN 978-3-498-03528-0

304 Seiten

28 Euro

Taschenbuch:

ISBN 978-3-499-24100-0

14 Euro

E-Book:

978-3-644-00011-7

9,90 Euro

 

  

April 2026

 

Kristine Bilkau

Halbinsel

 

Annett, Ende vierzig, lebt allein auf einer Halbinsel nahe Husum. Ihr Mann starb mit 32 Jahren, ihre Tochter Linn zog es nach dem Abitur hinaus in die Welt. Mittlerweile arbeitet sie für ein Umweltunternehmen und darauf ist ihre Mutter stolz.

 

Annett führt kein Einsiedlerleben. Sie ist stellvertretende Bibliotheksleiterin, hat Freunde, hat sich auch in zwei neuen Beziehungen versucht. Über ein Internetportal lässt sie sich Stellenanzeigen für Bibliotheksleitungen schicken. Beworben um eine dieser Stellen hat sie sich bisher jedoch nicht. Und manchmal fehlt ihr der Antrieb für die einfachsten Dinge. Aus diesem doch etwas monotonen Alltag reißt ein Anruf sie: Linn ist während eines Vortrags bei einer Tagung zusammengebrochen. Annett holt ihre Tochter zu sich, sie soll sich eine Woche bei ihr erholen. Aus der einen Woche werden Monate und aus den anfänglichen Sorgen um die Tochter wird Unmut. Linn verschläft die Tage, ist antriebslos, und statt sich um eine ihrem Studium angemessene Arbeit zu bemühen, fängt sie als Verkäuferin bei einem Bäcker auf der Insel an. Gesprächen über ihre Situation weicht Linn aus: Ja, nein, vielleicht ... Doch langsam nähern sich die beiden wieder an, und Annett begreift, dass Linns Ideale zerbrochen sind. Dass das Unternehmen, für das ihre Tochter gearbeitet hat, nichts für die Umwelt tut, sondern Greenwashing betreibt. Dass Linn auf der Suche nach einem Sinn, nach einer Mitte in ihrem Leben ist. Und das führt auch bei Annett zu Fragen: Wie viel Verantwortung habe ich für das Leben meiner Tochter, für die jüngere Generation? Was ist das richtige Leben und wie geht man mit der Verlogenheit in diesem Leben um, wie viel lässt man zu. Und für Annett schließlich eine ganz zentrale Frage: „Wo würde die Einsamkeit lauern? Hinter der Veränderung oder dem Vertrauten?“

 

Kristine Bilkau

Halbinsel

Luchterhand

ISBN 978-3-630-87730-3

224 Seiten

Hardcover: 24,00 €

 

  

März 2026

 

„Hundehelden“ von Katharina Jakob ist ein berührendes, herzerwärmendes Buch, das in 15 Kapiteln die unglaublichen (aber wahren!) Geschichten von 15 außergewöhnlichen Hunden erzählt, die als Retter, Helfer und treue Begleiter Menschenleben gerettet oder auf andere Weise beeindruckend gehandelt haben.

 

Die Geschichten selbst sind inspirierend und zeigen, wie viel Liebe, Mut, Intelligenz und Loyalität Hunde besitzen können.

 

Ein Highlight des Buches ist die Geschichte von Swansea Jack, einem Mischling, der mindestens 27 Menschen vor dem Ertrinken rettete. Eine weitere beeindruckende Geschichte ist die von Husky Togo, der Hunderte Kilometer durch Schneestürme rannte, um eine Stadt in Alaska rechtzeitig mit Medikamenten gegen Diphterie zu versorgen. Eine meiner persönlichen Lieblingsgeschichten ist die von Roselle, die ihr blindes Herrchen über 1463 Stufen aus dem brennenden World Trade Center führte, ehe das Gebäude zusammenbrach.

 

Die Geschichten in „Hundehelden“ sind nicht nur erstaunlich, anrührend und unterhaltsam, sondern auch lehrreich. Man erfährt natürlich viel über die Hunde selbst, aber auch einiges über die Menschen, ihre Lebensumstände, ihre Historie, wie z. B die verwunderliche Tatsache, dass das in sei-nen Anfängen konkursgeplagte Filmstudio Warner Bros. seinen bahnbrechenden Erfolg einem Hund verdankte. Die „Hundehelden“ zeigen, wie viel wir von unseren vierbeinigen Freunden lernen können und wie wichtig die Beziehung zwischen Mensch und Tier ist. Sie machen nachdenklich, da Heldentaten meist nicht von alleine möglich sind, sondern vielmehr auf Bindung beruhen und im Team entstehen.

 

Wie bereits erwähnt, handelt es sich um wahre, auf Tatsachen beruhende Geschichten. Die Autorin, Katharina Jakob, hat diese sorgfältig recherchiert und stützt sich auf historische und aktuelle Berichte, Zeitungsartikel, Archivmaterial und wissenschaftliche Veröffentlichungen. Auch hat sie, wo möglich, Interviews mit den Besitzern dieser besonderen Hunde geführt. Im Anhang des Buches befindet sich ein interessantes und umfangreiches Quellenverzeichnis. Wer nun fürchtet, dass es sich bei den einzelnen Kapi-teln zu den Hundehelden um nüchterne, steife Tatsachenberichte handelt, liegt falsch. Der Autorin, die auch als Wissenschaftsjournalistin tätig ist und für renommierte Zeitschriften wie „Geo“, „PM“, „Natur“ und „Die Zeit“ schreibt, gelingt es, sprachlich sehr ansprechend, fesselnd und farbig die jeweilige Atmosphäre der verschiedenen Begebenheiten zu vermitteln. Hat man von einer „Heldentat“ gelesen, ist man bereits auf die nächste gespannt.

 

Hundehelden ist nicht nur ein perfektes (Geschenk-)Buch für alle Fellnasenfreunde, für alle, die Hunde lieben und für alle, die sich für Tiere und ihre unglaublichen Fähigkeiten interessieren. Es ist definitiv auch ein Buch für diejenigen, die sich für wahre Geschichten und Abenteurer begeistern. Das Buch, das einen lachen, weinen, staunen und nachdenken lässt, ist meiner Meinung nach auch für Kinder ab 10 Jahren geeignet.

 

Es ist ein Buch, das man immer wieder zur Hand nehmen möchte, um sich von den unglaublichen Taten dieser Hundehelden inspirieren zu lassen.

 

Katharina Jakob

Hundehelden

15 Geschichten von außergewöhnlichen Hunden und ihren unglaublichen Taten

Mosaik-Verlag

ISBN 978-3-442-39447-0

288 Seiten

Hardcover: 20,00 €

 

 

 

Februar 2026

 

Bei der Arbeit auf ihrem Weinberg gabelt die alleinlebende Bäuerin Liss die 17-jährige Sally auf und bietet ihr einen Übernachtungsplatz auf ihrem Hof an. Aus einer Nacht werden Wochen, in denen die beiden Frauen sich langsam beschnuppern. Sally genießt Liss eher verschlossene, schweigsame Art, während Liss offenbar seit langem zum ersten Mal wieder beginnt, sich mit ihrer eigenen Vergangenheit zu befassen. Und ganz vorsichtig öffnet sie sich dieser fremden jungen Frau.

 

Beide begegnen ihren Mitmenschen eher mit Misstrauen, Sally wütend, Liss fast verbittert. Die Arbeitsanforderungen des Hofes geben den Tagen Struktur und helfen Sally, sich wieder zu spüren, sei es durch schmerzende Glieder nach einem langen Arbeitstag, den Genuss von vorher nie bemerkten Düften und Gaumenfreuden oder die verzaubernde Schönheit eines Sonnenuntergangs. Liss funktioniert seit vielen Jahren, weil der Betrieb es erfordert. 

 

Aufgrund der Suche nach dem „verschwundenen Mädchen“ steht bald der erste Polizist auf Liss‘ Hof, was für diese schließlich fatale Folgen hat. 

 

Ewald Arenz erzählt mit großer Liebe für seine beiden Protagonistinnen eine beinah leise Geschichte. Auch an dramatischen Stellen vermeidet er Pathos und lange Erklärungen. Der Leser wird allmählich hineingezogen in die seelischen Verletzungen der Figuren und den Kampf um ihre jeweilige Zukunft. Wie befreit man sich von alten Mustern? Was führt dazu, dass ich einem Menschen traue und mir auch Kritik zu Herzen nehme? Worauf kommt es tatsächlich an im eigenen Leben und im Miteinander? Kann ich, wenn es hart auf hart kommt, auf eine Freundschaft bauen?

 

Ein leicht zu lesendes Buch, das grundlegende Fragen aufwirft. 

Ich habe es in einem Rutsch durchgelesen und kann mir gut vorstellen, das nach einiger Zeit zu wiederholen.

 

Ewald Arenz
"Alte Sorten"
Roman
Dumont
ISBN 978-3-8321-8381-3
256 Seiten
Hardcover: 25,00 Euro
Taschenbuch: 14,00 Euro
E-Book: 10,99 Euro